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Gedichte

Das Geschenk (Rabindranath Tagore)

Ich möchte dir etwas geben, mein Kind,
denn wir treiben in dem Strom der Welt.
Unsere Lebensbahnen werden auseinanderführen
und unsere Liebe vergessen sein.

Aber ich bin nicht so töricht zu hoffen,
ich könnte mit meinen Geschenken dein Herz erkaufen.
Dein Leben hat erst begonnen,
lang ist der Weg und du trinkst die Liebe,
die wir dir schenken, in einem Zuge
und wendest dich ab und stürmst von uns fort.

Du hast dein Spiel und deine Spielgefährten.
Was liegt daran, wenn du weder Zeit noch Gedanken für uns hast.

Wir haben wahrlich genug Muße im Alter,
die zurückliegenden Tage zu zählen,
in unseren Herzen zu bewahren,
was unsere Hände nicht für immer festhalten können.

Der Fluß gleitet eilig dahin mit einem Lied
und durchbricht alle Schranken.
Doch der Berg bleibt an seinem Ort
und erinnert sich
und folgt ihm mit seiner Liebe.

"Bridge over troubled water" (Paul Simon)

When you're weary, feeling small,
when tears are in your eyes - I will dry them all.
I'm on your side. When times get rough
and friends just can't be found.
Like a bridge over troubled water
I will lay me down.

 

 

Haltung (Reinhard Weisbach)

Haltet euch nahe
Bei euren Kindern
Streichelt ihr Lachen
Tröstet ihr Weinen
Bessres als Kinder
Ist nicht zu machen.

 

 

Ein ganz besonderes Gedicht ist:
Der Panther (Rainer Maria Rilke)

 

 

Ein Mensch (Nina Cassian)

Als er, im Kampf für's Vaterland, nur einen Arm behielt,
war seine Furcht:
Von nun an kann ich alles nur zur Hälfte machen.
Ich werde nur die halbe Ernte bergen,
ich spiele am Klavier nur die Begleitung
oder die Melodie -
für eine ganze Partitur bin ich nicht gut genug.
Ich werde nur mit einer Faust noch an die Tore
der störrischen und alten Sitten schlagen.
Auch die Geliebte wird sich nur zur Hälfte
umarmen lassen -
und manches kann ich niemals wieder machen -
zum Beispiel Beifall klatschen auf den Festen.

Von da an hat er alles, was er tat,
mit doppelter Begeisterung getan.
Und für den abgerissenen Arm
wuchs ihm ein Flügel.

Auf meines Kindes Tod (Joseph von Eichendorff)

Als ich zum ersten Male
Wieder durch den Garten ging,
Busch und Bächlein in dem Tale
Lustig an zu plaudern fing.

Blumen halbverstohlen blickten
Neckend aus dem Gras heraus,
Bunte Schmetterlinge schickten
Sie sogleich auf Kundschaft aus.

Auch der Kuckuck in den Zweigen
Fand sich bald zum Spielen ein.
Endlich brach der Baum das Schweigen:
"Warum kommst Du heut allein?"

Da ich aber schwieg, da rührt' er
Wunderbar sein dunkles Haupt,
Und ein Flüstern konnt ich spüren
Zwischen Vöglein, Blüt und Laub.

Tränen in dem Grase hingen,
Durch die abendliche Rund'
Klagend nun die Quellen gingen,
Und ich weint' aus Herzensgrund.

   

Der Einsame (Wilhelm Busch)

Wer einsam ist, der hat es gut,
weil keiner da, der ihm was tut.

Ihn stört in seinem Lustrevier
kein Mensch, kein Tier und kein Klavier,
und niemand gibt ihm gute Lehren,
die gut gemeint und bös' zu hören.

Der Welt entronnen geht er still
in Filzpantoffeln, wann er will.

Sogar im Schlafrock wandelt er
bequem den ganzen Tag umher.

Er kennt kein weibliches Verbot
drum raucht und dampft er wie ein Schlot.

Geschützt vor fremden Späherblicken
kann er sich selbst die Hose flicken.

Liebt er Musik, so darf er flöten
um angenehm die Zeit zu töten,
und laut und kräftig darf er prusten,
und ohne Rücksicht darf er husten,
und allgemach vergißt man seiner.
Nur allerhöchstens fragt mal einer:
Was, lebt er noch? Ei schwerenot,
ich dachte längst, er wäre tot.

Kurz, abgesehen vom Steuerzahlen,
läßt sich das Glück nicht schöner malen.

Worauf denn auch der Satz beruht:
Wer einsam ist, der hat es gut.

Spruch des Konfuzius (Friedrich Schiller)

Dreifach ist des Raumes Maß:

Rastlos fort ohn' Unterlaß
strebt die Länge, fort ins Weite,
endlos gießet sich die Breite,
grundlos senkt die Tiefe sich.

Dir ein Bild sind sie gegeben:

Rastlos vorwärts mußt du streben,
nie ermüdet stille stehn,
willst du die Vollendung sehn;
mußt ins Breite dich entfalten,
soll sich dir die Welt gestalten;
in die Tiefe mußt du steigen,
soll sich dir das Wesen zeigen.

Nur Beharrung führt zum Ziel,
nur die Fülle führt zur Klarheit,
und im Abgrund wohnt die Wahrheit.

   

Der Gefangene (Rainer Maria Rilke)

Denk dir, das, was jetzt Himmel ist und Wind,
Luft deinem Mund und deinem Auge Helle,
das würde Stein bis um die kleine Stelle
an der dein Herz und deine Hände sind.

Und was jetzt in dir morgen heißt und: dann
und: späterhin und nächstes Jahr und weiter -
das würde wund in dir und voller Eiter
und schwäre nur und bräche nicht mehr an.

Und das, was war, das wäre irre und
raste in dir herum, den lieben Mund
der niemals lachte, schäumend von Gelächter.

Und das, was Gott war, wäre nur dein Wächter
und stopfte boshaft in das letzte Loch
ein schmutziges Auge. Und du lebtest doch.

Wenn du gehst (Reinhard Lakomy)

Wenn du gehst, wenn du fortgehst
dann geh', geh' leis,
denn kein Wort kann das sagen,
was ich dann verlier,
soviel bist du mir; du weißt.

Wenn du gehst, wenn du fortgehst,
sieh mich nicht an,
denn dein Blick wird mir weh tun,
weil ich darin seh, was ich nicht verstehen kann.

Bitte geh aus meinem Leben, wie du kamst
und lass alles sein, was mir den Abschied schwer macht,
denn du ahnst nicht,
was du mir von der Zukunft nahmst.

Ja, so geht es manchmal, wenn man Pläne macht.

Nimm auch dein Bild,
denn ich weiß, wenn es hier bleibt, bleibt nur ein Gesicht.
Darum will ich nicht dein Bild.

   

Der Kabelleger (Kurt Schramm)

Die Sonne scheint, ein Flugzeug brummt,
der Kabelleger pfeift ein Lied.

Der Chef des Kabellegers kummt
der Kabelleger legt wie wild
die Kabel in die Erde nieder.

Der Chef verschwindet aus dem Bild:
Der Kabelleger sonnt sich wieder.

Das Grubenunglück (Kurt Schramm)

Rumpeldipumpel
weg sind die Kumpel.

Sommer (Kurt Schramm)

Die Sonne scheint ins Kellerloch.
Lass sie doch!

Wart auf mich (Konstantin Simonow)

Wart auf mich, ich komm zurück, aber warte sehr,
warte wenn der Regen fällt, grau und trüb und schwer.
Warte wenn der Schneesturm tobt und der Sommer glüht,
warte wenn die andern längst, längst des Wartens müd.
Warte, wenn vom fernen Ort Dich kein Brief erreicht,
warte - bis auf Erden nichts Deinem Warten gleicht.

Wart auf mich, ich komm zurück. Stolz und kalt hör zu,
wenn der Besserwisser lehrt: "Zwecklos wartest Du!"
Wenn die Freunde - Wartens müd' - mich betrauern schon,
trauernd sich ans Fenster setzt, Mutter, Bruder, Sohn.
Wenn sie, mein gedenkend, dann trinken herben Wein:
Du nur trinke nicht – warte noch. Mutig - stark - allein.

Wart auf mich, ich komm zurück, ja zum Trotz dem Tod,
der mich hunderttausendfach Tag und Nacht bedroht.
Für die Freiheit meines Lands rings umdröhnt, umblitzt,
kämpfend fühl ich wie im Kampf mich Dein Warten schützt.
Was am Leben mich erhält, weißt nur Du und ich:
Dass Du, so wie niemand sonst, warten kannst auf mich!